Evangelisches Dekanat Ingelheim-Oppenheim

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          Eine Hospizbegleiterin erzählt

          „Menschenleben sind wie Bücher – ein jedes hat verschiedene Kapitel und seine eigenen besonderen Geschichten.“

          Hospizverein Rhein-Selz e.V.

          Der folgende Artikel handelt von den persönlichen Erfahrungen einer Mitarbeiterin des ökumenischen
          Hospizvereins Rhein-Selz e.V. Ein herzliches Dankeschön für die bewegenden Worte an Frau Anneliese Götter:

          "Gerne erinnere ich mich an meine Ausbildung zur ehrenamtlichen Hospizbegleiterin zurück: An meine Praktikumszeit, die mir viel Freude bereitet hat und an die Theorie, die sehr lehrreich war, für mich sowie für meine zukünftigen Begleitungen, die auf mich warteten. Meine erste Begleitung lernte ich in meiner Praktikumszeit kennen. Frau T., eine sehr liebe und selbstbewusste Dame von 85 Jahren. Frau T. war ca. vier Monate zusätzlich zu meiner Praktikumszeit meine Begleitung, die für mich mit Höhen und Tiefen verbunden war.

          Frau T. sagte zu mir: „Frau Götter, aller Anfang ist schwer! Aber ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie mich immer besuchen.“ Irgendwann bot sie mir sogar das “Du“ an, was uns noch vertrauter werden ließ. Wir hatten viele besondere Stunden, die uns zeigten, wie wichtig und schön es ist, in einer solchen Zeit nicht allein zu sein und sich gut aufgehoben und geborgen zu fühlen. Frau T. ging es mit der Zeit zunehmend schlechter und wir spürten, dass der Tag näher rückte. Sie fragte mich vor langer Zeit schon, ob ich bei ihr bleiben könnte, wenn es soweit wäre. Eines Nachmittags sah ich, dass sie bereits sehr weltentrückt war und sich immer weiter entfernte.

          Sie sah mich an mit einem sanften Lächeln in ihrem Gesicht und ich sagte zur ihr: “Ich bin da und bleibe, wie ich es dir versprochen habe!“ Doch sie konnte noch nicht loslassen. Aufgrund ihrer Erzählungen wusste ich, dass es noch unausgesprochene Konflikte aus der Vergangenheit mit einem engen Familienmitglied gab. Bis zuletzt gab es keine Möglichkeit für eine Auflösung des Konflikts oder gar für einen Abschied. In der Hoffnung, ihr das Loslassen zu erleichtern, versetzte ich mich für einen kurzen Moment in die Position des Familienmitglieds und sagte nur: „Ich hab dich lieb.“ Dankbare und friedvolle Augen blickten mir entgegen.
          Dies sind Momente, die ich niemals vergessen werde und Dankbarkeit und Demut verspüre.

          Aber auch so kann es gehen:

          Ich hatte gerade einen Besuch beendet und trat heraus auf den Flur, als mich eine Schwester fragte, ob ich noch etwas Zeit zur Verfügung hätte. Ich sagte „Ja“ und die Schwester führte mich in das Zimmer von Herrn K. und teilte mir mit, dass ein Familienmitglied die ganze Nacht an seinem Bett gewacht hatte und nun kurz die Station verlassen musste, um einen Arzttermin wahrzunehmen.

          Sie fragte mich, ob ich sie solange vertreten und bei ihm bleiben könnte. Natürlich sagte ich zu. Ich trat an das Bett von Herrn K. und merkte, dass es nicht mehr allzu lange dauern würde, er war schon sehr weit entfernt. Ich sagte ihm, dass ich bei ihm bleiben würde, bis seine Verwandtschaft wieder zurück sei. Doch wenige Minuten bevor diese zurückkam, ist Herr K. mit einem friedlichen Gesichtsausdruck eingeschlafen. Er wollte und konnte wahrscheinlich nicht loslassen, solange sein Angehöriger anwesend war.

          Auch eine besondere Begebenheit:

          Ein sehr feiner und liebenswürdiger Herr von 95 Jahren, Witwer und alleinstehend ohne Familie, war eine Zeit lang meine Begleitung. Er legte großen Wert auf sein Äußeres, stets adrett gekleidet und trug immer seinen Ehering zusammen mit dem Ehering seiner Frau bei sich. Wir verstanden uns sehr gut und hatten eine schöne und humorvolle Beziehung zueinander. Ja, er wollte sogar mit mir zum Traualter! ☺

          Auch ihm versprach ich, bei ihm zu bleiben und ihn bis zum Schluss zu begleiten. Ich habe die Nachtschwester gebeten mich anzurufen, wenn es die geringsten Anzeichen gab, dass er gehen würde. Dies war der Fall. Doch an dem Nachmittag zuvor fand er seine Ringe nicht und er suchte sie verzweifelt. Er war deshalb sehr aufgeregt und traurig. Glücklicherweise wurden sie aber wiedergefunden. In dieser Nacht ist er gestorben. Ich konnte mein Versprechen halten und war die letzten Stunden bei ihm.

          Ein ehrenamtlicher und sehr engagierter Mitarbeiter des Hospizvereins sagte einmal in einer Supervisionssitzung: „Unsere Arbeit ist eine besondere Arbeit: Wir sollten Stille aushalten können, aufmerksam sein und unsere Zeit schenken.“

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