Noch ist sie mitten in ihrem Pfarrerinnen-Alltag in Nieder-Olm: Am Tag des Interviews steht ein ökumenisches Treffen mit den KollegInnen der Region an, denn noch gilt es, einige größere Veranstaltungen zu organisieren. Dazu kommt der ganz „normale“ Alltag mit Gottesdienstvorbereitungen und Seelsorgegesprächen – Julia Freund ist mit ihrer Kollegin, Pfarrerin Elke Stein, im Nieder-Olmer Pfarrbüro in der Pariser Straße Ende Mai noch ganz im Hier und Jetzt. Dabei gibt es schon einige Indizien dafür, dass die Theologin schon bald in einer ganz anderen Welt zuhause sein wird, denn ab dem 1. August 2026 wird Julia Freund Pfarrerin der deutschen evangelischen Christen in Costa Rica, Panama, Nicaragua und Honduras sein.
Vom rheinhessischen Hügelland ins tropische Lateinamerika
Der ersehnte Tag, an dem die Theologin das rheinhessische Hügelland gegen das tropische Lateinamerika als Arbeitsplatz eintauschen wird, rückt näher. Kein Wunder, dass die Zeichen des Aufbruchs immer zahlreicher werden: So hat Julia Freund gerade an einem mehrtägigen Seminar der Evangelischen Kirche in Deutschland für Auslandspfarrer in Berlin teilgenommen und in ihrem Pfarrbüro eines der zahlreichen Bücherregale leergeräumt. Trotzdem fällt der Mutter dreier mittlerweile erwachsener Kinder der Abschied natürlich schwer – immerhin war sie seit mehr als 14 Jahren mit Leib und Seele Pfarrerin in Rheinhessen. 2012 begann sie in Engelstadt und Bubenheim als Pfarrvikarin, übernahm dann 2014 mit Nieder-Olm die größte Kirchengemeinde im Evangelischen Dekanat Ingelheim mit einer Kita und zwei Seniorenresidenzen. Arbeitsreiche, aber auch sehr erfüllende Jahre folgten, auf die sie auch ein wenig wehmütig zurückblickt: „So viele Familien durfte ich auf ihren Lebenswegen begleiten. Die Menschen haben mir große Offenheit und viel Vertrauen entgegengebracht. Das war für mich stets ein kostbares Geschenk. Menschen so nah im Horizont des Evangeliums begleiten zu dürfen, das hat mich sehr bereichert.“ Seit 2019 unterstützt durch ihre Kollegin Elke Stein, fokussierte sich Julia Freund auf die Flüchtlings- und Seniorenarbeit, unterrichtete in der Schule und betreute gemeinsam mit Pfarrerin Stein die zahlreichen KonfirmandInnen Nieder-Olms.
Ihr großes Plus: die Musik und viel Erfahrung im Schulunterricht
Nach 16 Jahren Rheinhessen wagt die gebürtige Kielerin nun etwas ganz Neues. Als Pfarrerin der deutschsprachigen „Iglesia Luterana de Costa Rica“ bezieht sie ein Pfarrhaus in einem Stadtteil San Josés namens „Rohrmoser“. Ihre neue Kirchengemeinde ist klein – sie zählt rund 200 Gläubige – aber eng vernetzt und „unfassbar engagiert“, erklärt sie. Julia Freund musste gemeinsam mit weiteren Bewerbern ein komplexes Bewerbungsverfahren durchlaufen und sich schließlich der Gemeinde vor Ort in San José vorstellen – und konnte sich durchsetzen. Dass die Theologin hier in Deutschland schon viel Erfahrung in puncto Religionsunterricht gesammelt und lange Jahre auch als Chorleiterin gearbeitet hat, war in den Augen ihrer neuen Gemeinden sicherlich ein großes Plus.
Die neue Gemeinde – selbstbewusst und selbstorganisiert
Nun blickt die 51-Jährige mit Vorfreude auf die neue Herausforderung: „Meine neue Gemeinde ist sehr selbstbewusst und selbstorganisiert unterwegs. Außerdem finanziert sich die Gemeinde selbst, indem sie z. B. einen großen Adventsmarkt mit deutschem Flair organisiert.“ Die deutsche Kultur, so erzählt Julia Freund, sei in Costa Rica sehr hoch angesehen. Unterrichten wird Julia Freund das Fach „Ethik“ in der renommierten deutschen Schule von San José. Mehrmals im Jahr wird sie auf Seelsorgereise in die Nachbarländer Costa Ricas gehen, um in der sich über 1300 km erstreckenden Region Taufen, Trauungen oder Konfirmationen vorzunehmen. Dazu wird sie in engem Kontakt zu den Botschaften stehen und als Notfallseelsorgerin abrufbar sein.
„So ist das Leben“ – das Motto für den neuen Lebensabschnitt
Viel Freizeit wird ihr nicht bleiben, denn freie Wochenenden kennt man für PfarrerInnen an ihrer neuen Arbeitsstelle nicht. Das stört Julia Freund nicht: „Es hat sich so stimmig angefühlt als ich das Bewerbungsverfahren durchlaufen habe. Ich wusste, ich werde dort gebraucht und fühle mich von Gott dorthin gerufen“, sagt sie mit voller Überzeugung. Und das lässt Julia Freund gelassen bleiben, auch wenn sich manches wie das exakte Abreisedatum noch nicht so genau planen lässt. Schon jetzt hat sie sich einen Leitspruch der Bevölkerung von Costa Rica zu eigen gemacht: „Er lautet ‚pura vida‘“, erklärt sie, „was so viel wie ‚So ist das Leben‘ bedeutet und beschreibt die gelassene und lebensbejahende Haltung vieler Menschen dort.“
Verabschiedung am 28. Juni 2026
Am 28. Juni wird Pfarrerin Julia Freund im Sommerkirchengottesdienst in der Paulskirche Elsheim um 10:30 Uhr offiziell von ihrem Dienst entpflichtet. Wer sich noch einmal von ihr verabschieden möchte, ist herzlich eingeladen.